asiaticus

Sinologist and Communist

in: Die Weltbühne, Berlin, XXVI. Jahrgang, Nr. 44 vom 28. Oktober 1930, S. 644–647

Peking ist nun nach zweijähriger Degradation von der Residenz des Reiches zur gewöhnlichen Provinzhauptstadt wiederum Sitz einer »Zentralregierung« geworden. Die Fronde der Marschälle des Nordens gegen Tschiang Kai-schek in Verbindung mit allen Gegnern des Nankingregiments, im Innern wie unter den Mächten – ein Meisterwerk der Intrigue Feng Yu-hsiangs –‚ hat sich in Peking zu einer sehr bunt zusammengewürfelten »Zentralregierung« konstituiert. Ihre direkte militärische Stütze sind die Armeen Feng Yu-hsiangs und Yen Hsi-shans, ihre indirekte die Armee der reaktionärsten Despotie in China, der Mandschurei. Die Pekingregierung reklamiert weiter als ihre Verbündeten die Unzahl der Zaungenerale in Süd- und Mittelchina. Die von ihren Gegnern ausgestreuten Gerüchte einer angeblichen Verbindung mit den Partisanentruppen der aufständischen Bauern im Jangtsetal weist sie selbst als Verleumdung zurück. Im Staatsrat neben den militärischen Häuptern sitzt Wang Tsching-wei, die bedeutendste Figur der linken Kuomintang, der zu schieben glaubt und geschoben wird. Von den »freundschaftlichen und interessierten Mächten« (friendly and interested powers) steht die Patronage Japans im Vordergrund, die Englands im Hintergrund. Die Nankingclique behauptet, hierin unterstützt von ihren amerikanischen »advisers« und »observers«, daß Feng Yu-hsiang geheime Verbindungen mit der U.S.S.R. unterhält, was von Feng ebenfalls als Verleumdung zurückgewiesen wird. Wang Tsching-wei hat kürzlich in einem Presseinterview die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Sowjetunion in Aussicht gestellt, unter der Bedingung, daß sie sich nicht in die innerchinesischen Verhältnisse einmische. An der Spitze dieser Koalition, die in höchst eigenartiger Weise alle Widersprüche der chinesischen Gesellschaftskrise akkumuliert, aber auch den völligen Bankrott des Nankingregiments aufzeigt, steht als Präsident die Mittelmäßigkeit Yen Hsi-shan, der »Mustergouverneur« von Schansi.

Die imperialistische Journaille in China hat ihn den »Mustergouverneur« genannt, weil er von 1912 bis 1926 die Provinz Schansi vor dem Bürgerkrieg der Generale bewahrt hat. Schansi genoß früher den Ruf der reichsten Provinz des Kaiserreiches, der Geldgeber und Kreditoren der Mandschudynastie. Als wichtigste Durchgangsprovinz des Handels mit dem Nordwestgebiet und teilweise dem mittleren China, selbst reichlich versorgt durch unermeßliche Bodenschätze, die heute noch der modernen Exploitation harren, und fruchtbare Landwirtschaft, wurde sie zur Geburts- und Entwicklungsstätte des chinesischen Bankkapitals, besser gesagt des großzügigsten Wucherkapitals. Aber auch das verdankte sie am allerwenigsten ihren Mustergouverneuren, sondern der natürlichen Befestigungslage ihrer Grenzgebiete, die die verhältnismäßig kleine Provinz mit einer stagnierenden Bevölkerung von elf Millionen, mit Gebirgskämmen umzäunt und den jahrhundertelang stabilisierten mittelbäuerlichen Verhältnissen auf dem Lande und den zahlreichen Handelszentren. Von dieser alten Herrlichkeit ist heute nur sehr wenig übriggeblieben: Einige Ruinen uralter Bankhäuser, die natürliche Befestigung, die ungeheuren unausgehobenen Kohlen- und Eisenschätze und ein Bauerntum von einer gewissen Solidität. Hier konnte also der Mustergouverneur mit seiner Armee von fünfzigtausend Söldnern die eigne Provinz gut schützen, ohne sich aber mit den mächtigen militärischen Nachbarn wie Wu Pei-fu und Tschang Tso-lin messen zu können.

Inzwischen hat Yen aber auch seine alte Friedensliebe längst wettgemacht. Denn seit 1926, seit den Bürgerkriegen der Wu Pei-fu, Tschang Tso-lin und Feng in seiner nächsten Nachbarschaft, führt auch er fast ununterbrochen Krieg. 1926 greift er in den Krieg gegen Feng auf Seiten Tschang Tso-lins ein. Er wird zwar von der Armee Fengs, die sich auf dem Rückzuge vor den vereinigten Armeen Tschangs und Wus befindet, im Vorbeiziehen geschlagen, kann sich aber eben deshalb in seine Provinz sicher zurückziehen. 1927 figuriert er ein halbes Jahr als Bundesgenosse Tschang Tso-lins mit dem Rang seines »stellvertretenden Generalissimus« zur Bekämpfung der nationalrevolutionären Armeen, und nachdem Tschang Tso-lin sich geschlagen zurückzieht, greift Yen als Bundesgenosse Tschiang Kai-scheks und als neugebackener Anhänger der Kuomintang den Geschlagenen an. Auch hier wird er aber noch im Vorbeigehen von Tschang Tso-lin geschlagen und verzieht sich wieder nach Schansi. Erst 1928 beim konzentrischen Feldzug Tschiang Kai-scheks und Fengs gegen Tschang Tso-lin wird Yen trotz der schwächsten Armee, durch ein »Wunder« der Beherrscher von Peking. Dieses Wunder war das Werk Japans.

Die japanische Politik in China verfolgt seit Jahrzehnten das Ziel, die Spaltung in Nord und Süd zu verewigen und jede Zentralisierung zu verhindern. Das ist notwendig zur Sicherung der Penetration der Mandschurei; aber auch zur Förderung der weitergehenden Pläne in Nordchina, vor allem in Schantung und Schansi, und schließlich zur Durchkreuzung der amerikanischen Finanzexpansion in einem vereinheitlichten China. Mitte 1928, in der letzten Phase des Existenzkampfes Tschang Tso-lins, hat die japanische Politik mit aller Rücksichtslosigkeit durch eine Kette von Intrigen, durch versteckte und offene Intervention dem Marschall den letzten Stoß gegeben und gleichzeitig die Bemühungen Tschiang Kai-scheks und Fengs, nach Peking zu gelangen, vereitelt. Der gegebene Mann war Yen Hsi-shan, der seine militärische Ausbildung in Japan absolviert hat und seine Provinzarmee in Schansi durch japanische Ratgeber instruieren ließ. Tschiang Kai-schek mußte in Nanking bleiben, die südliche Armee durfte auf keinen Fall Nordchina besetzen, Tschang Tso-lin, aufs äußerste verhaßt und geschwächt, mußte verschwinden. Nordchina sollte der Tummelplatz seiner Generale mit ihrer Rivalität gegeneinander und gemeinsam gegen Nanking bleiben, Yen Hsi-shan die Wiederbesetzung von Peking durch Feng verhindern. Das war der strategische Plan Japans.

Die Geschichte seiner Durchführung gehört zu den grausigsten Kapiteln der imperialistischen Verbrechen in China. Yen war hierbei nur die vorgeschobene Figur, der militärische Despot, der sein Ziel, sich in Peking festzusetzen, bei dieser Gelegenheit erreichte.

Die Hauptmacht Tschang Tso-lins war vor Peking konzentriert, seine Armee bereits stark abgekämpft, immerhin zur längeren Verteidigung von Peking und Tientsin in der Lage. Gegen diese Macht marschierten nun in drei Heersäulen seine unter der Flagge der Kuomintang vereinigten Gegner, jeder gewillt, seine Position auch möglichst stark gegenüber den Bundesgenossen zu machen. Die Armee Tschiang Kai-scheks mußte über die von den Verbündeten Tschang Tso-lins besetzte Provinz Schantung nach Tientsin vorstoßen. Feng mußte von Honan aus direkt marschieren, um den Weg nach Peking freizumachen, während Yen mit der kleinsten Armee, aber mit seiner Provinz in der Nachbarschaft Pekings, erst eingreifen konnte, nachdem Feng mit seiner Hauptarmee sich den Weg bis vor Peking gebahnt hatte. Unerwarteterweise gelang es Tschiang, am raschesten in Schantung vorzustoßen, Tsinanfu zu erobern und den Weg nach Tientsin freizumachen. In diesem Augenblick griff die japanische Intervention ein. Unter dem Vorwand, seine Landsleute in Schantung schützen zu wollen, besetzte Japan die Eisenbahnlinie Tsingtau-Tsinanfu, provozierte in Tsinanfu Zusammenstöße mit Truppen von Nanking und forderte daraufhin in einem zwölfstündigen Ultimatum die Armee Tschiangs zur Räumung von Tsinanfu auf, bombardierte die Stadt, trieb die Nankingsoldaten zurück und riegelte für sie den Weg über den Gelben Fluß ab. Gleichzeitig erzwang es den sofortigen kampflosen Rückzug Tschang Tso-lins aus Peking, indem es die südliche Mandschurei bis Mukden als japanisches Schutzgebiet abriegelte und erklärte, es werde die Armee Tschang Tso-lins nur nach der Mandschurei zurücklassen, wenn sie sofort und ohne Kampf ginge. Nur auf diesem Wege konnte die Armee Yens als erste in Peking einziehen. Die Armee Tschang Tso-Lins zog sich zurück und der Zug des Diktators wurde im japanischen Schutzgebiet durch die Explosion einer Höllenmaschine in die Luft gesprengt. Die Sühne folgte prompt, denn die japanischen Militärbehörden meldeten gleichzeitig mit dem Attentat, daß zwei chinesische Kulis, die sich in der Nähe aufhielten, sofort hingerichtet wurden.

Diesem »Wunder« verdankt Yen seine Stellung in Peking. Seit jenem Aufstieg wurde er zum Verbündeten Fengs gegen Nanking und zum Verbündeten Nankings gegen Feng. Als Tschiang Kai-schek den Kantoner Militärdespoten Li Tai-lun bei einem Besuch in Nanking ins Jenseits befördern ließ und daraufhin Feng und Yen nach Nanking einlud, dankten die beiden für die freundliche Einladung und blieben fort. Als Tschiang kurz nachher den offenen Kampf gegen Feng eröffnete und Yen aufforderte, das Erbe Fengs anzutreten und seine Gebiete zu besetzen, antworteten beide, sie seien derPolitik überdrüssig geworden, sie wollen sich in ein buddhistisches Kloster zurückziehen und dann ins Ausland gehen. Das sollte auf chinesisch heißen, daß sie gegeneinander nicht kämpfen wollen, aber auch noch nicht gegen Tschiang. Eine Zeitlang schien es wiederum, daß die zwei Klosterbrüder doch gegeneinander losgehen würden. Ein Bündnis zwischen Yen und Tschiang gegen Feng hätte aber nur Tschiangs Macht befestigt und Yen der Gefahr einer Schwächung, vielleicht auch Niederlage ausgesetzt. War es also zu riskant, es mit Feng aufzunehmen, so mußte er schließlich sein Verbündeter werden. So nahmen sie den Kampf gemeinsam auf. So wurde er dann zum Präsidenten, und Feng Yu-hsiang ist das erste Mitglied seines Staatsrats.

Anmerkung: Die Schreibweise wurde weitestgehend wie im Original beibehalten. Nur offensichtliche Schreibfehler wurden korrigiert. Die Umschrift der chinesischen Orts- und Personennamen wurde der damals in deutschen Zeitungen üblichen (inkonsquenten) Schreibung angepaßt und dann durchgänging vereinheitlicht.

Seine Spuren sind unter verschiedenen Namen zu finden: Mojzes Grzyb; Heinz Grczyb; Heinz Möller; Hans Shippe; Xi Bo.

Im Juni 1935 – in Deutschland war der Faschismus an der Macht – schrieb Asiaticus in der Zeitschrift »Die neue Weltbühne«, die im Exil in Prag, Zürich und Paris erschien, in einem Bericht aus China: »In diesem Augenblick werden die Fundamente für den großen, epochemachenden Neubau Chinas gelegt.« Was er meinte, war der »Lange Marsch«. Der hatte damals diesen Namen noch nicht, hatte auch sein Ziel Yan'an (Yen-an) noch nicht erreicht, war auf den ersten Blick noch nicht mehr als ein Rückzug, mit dem sich die von der Kommunistischen Partei Chinas geführte Rote Armee aus der Umklammerung durch die konterrevolutionären Truppen Tschiang Kai-scheks löste, und weithin in der Welt herrschte die Überzeugung, daß die Kommunisten nun endgültig geschlagen seien – aber Asiaticus erkannte die ungeheure revolutionäre Kraft, die dieser Marsch entwickelte, und er sollte Recht behalten. – Für Dr. Wolfram Adolphi, der die Inhalte der Website (siehe unten ↓) entwickelt hat und diese betreut, ist Asiaticus ein Vorbild und ständiger Anreger geworden.

  • Geboren wurde Asiaticus am 11. Juli 1896 als Mojzes Grzyb in Tarnów in Galizien/Österreich-Ungarn (so sagt es das Geburtsregister; auf einem Fragebogen der Kommunistischen Internationale [Komintern] in Moskau 1923 gab Grzyb aus heute nicht nachvollziehbaren Gründen den 13. Juni 1897 als Geburtsdatum an, und so ist es auch auf seinem Grabstein in Jinan in China vermerkt).

  • 1913 begann er, sich in der kommunistischen Bewegung zu engagieren.

  • Im Ersten Weltkrieg (1914–1918) war er Soldat in der österreichisch-ungarischen Armee, wurde nach drei Jahren als Kriegsgegner verhaftet.

  • 1918 kam er unter dem Namen Heinz Möller nach Deutschland. Dort war er (höchstwahrscheinlich) am Jahreswechsel 1918/1919 Teilnehmer des Gründungsparteitages der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).

  • 1922 wurde er als Journalist in Bremen inhaftiert und nach Sowjetrußland ausgewiesen; in seinen politischen Standpunkten befand er sich in großer Nähe zur am 15. Januar 1919 von konterrevolutionären Freikorpsleuten ermordeten Rosa Luxemburg und damit z. B. zu Clara Zetkin, Paul Frölich und Paul Levi.

  • 1923–1925 arbeitete er als Journalist in Deutschland.

  • Im April 1925 wurde ihm im Zusammenhang mit der »Entlarvung« der »Brandler-Thalheimer-Gruppe« durch die Führung der russischen KP, deren Mitglied er war, eine »strenge Rüge«; damit wurde er in der Komintern und der KPD zur »Unperson«. Er ging nach China und schrieb bis 1927 Reportagen über die chinesische Revolution.

  • Nach Deutschland zurückgekehrt, veröffentlichte er 1928 das Buch »Von Kanton bis Schanghai 1926/27«. Er wurde Chefredakteur der Zeitung »Der Kämpfer« in Chemnitz; dann wegen Kritik an Stalins und Ernst Thälmanns These vom »sozialfaschistischen« Charakter der Sozialdemokratie entlassen und aus der KPD ausgeschlossen.

  • Ende 1928 wurde er Mitglied der KPD-Opposition (KPO). Er verheiratete sich mit Trudy Rosenberg und schrieb Artikel u. a. für »Die Weltbühne«, den »Wirtschaftsdienst« Hamburg, die »Arbeiterpolitik« und »Gegen den Strom«.

  • 1932 ging er erneut nach China. Von dort sandte er Artikel u. a. an »Die Weltbühne« und dann, als diese Zeitschrift nach der Machtübernahme durch die Nazis 1933 verboten wurde, für die im Exil in Prag, Zürich und Paris erscheinende »Die Neue Weltbühne«. In China selbst war er für verschiedene englisch- und chinesischsprachige Zeitungen und Zeitschriften tätig und engagierte sich für die kommunistische Bewegung und die antijapanische Einheitsfront (1937 hatte Japan China auf breiter Front überfallen. Der anti-japanische Befreiungskrieg wurde zum Bestandteil des Zweiten Weltkrieges und im Sommer 1945 für China siegreich beendet).

  • Das aber erlebte Asiaticus nicht mehr. Am 30. November 1941 ist er bei Kämpfen der von der KP Chinas geführten Achten Armee gegen japanische Truppen in der chinesischen Provinz Shandong ums Leben gekommen.

Dr. Wolfram Adophi hat dreimal über Asiaticus geschrieben: Zum ersten Mal in der »Weltbühne«, wie sie in der DDR erschienen ist, am 4. April 1989 unter dem Titel »Mehr über ›Asiaticus‹«. Eine umfangreichere Darstellung seines Wirkens in China in den 1930er Jahren hat er unternommen in dem Aufsatz »Asiaticus, China 1937« in der Zeitschrift »UTOPIE kreativ«, Berlin, Heft 200, Juni 2007. Und eine romanhafte Darstellung findet sich in seinem Roman »Chinafieber«. Alles ist hier auf der Website versammelt in der Rubrik Texte Adolphi.

I'm German, 57 of age, from Berlin, Germany, studied Sinology (Chinese language, culture, history, philosophy), Chinese name is 米五斗; nerd with FreeBSD and Linux; Communist.

Lived in Xi'an, Shaanxi province, P. R. of China, for 15 years, now back in Germany.

So, as I'm using only FOSS, I'm glad seeing the Fediverse is developing and spreading from day to day further, exploring it and found this nice niche here – so I'm trying it out and see where it goes …